Interview:
Lena Prieger und Oliver Das Gupta
Margarete
Mitscherlich war die Grande Dame der Psychoanalyse, Vorkämpferin des
Feminismus und Analytikerin der Gegenwart. 2009 hat sie Süddeutsche.de
ein langes, sehr persönliches Interview gegeben, das wir hier anlässlich
ihres Todes noch einmal dokumentieren.
Margarete Mitscherlich-Nielsen wurde
1917 als Tochter einer Deutschen und eines Dänen geboren. Kurz vor ihrem
95. Geburtstag ist sie nun gestorben. Sie studierte in München,
Heidelberg und Großbritannien und war als Ärztin und Psychoanalytikerin
wissenschaftliches Mitglied des Sigmund-Freud-Instituts in Frankfurt und
verschiedener Arbeitskreise. Gemeinsam mit ihrem 1982 verstorbenen Mann
Alexander Mitscherlich veröffentlichte sie 1967 das Buch "Die
Unfähigkeit zu trauern". Die Weigerung der Deutschen, ihre
nationalsozialistische Vergangenheit wahrzunehmen und zu verarbeiten,
wurde von den beiden Medizinern als kollektives Verhalten
diagnostiziert. 2009 gab sie in ihrer Wohnung im Frankfurter Westend Süddeutsche.de
ein Interview.
Margarete Mitscherlich 2009 in ihrer Wohnung.
(© Fotos: Lena Prieger und Oliver Das Gupta)
sueddeutsche.de: Frau Mitscherlich,
Sie und Ihr Mann Alexander haben das Buch "Die Unfähigkeit zu trauern"
geschrieben - das berühmte Werk, das sich mit der Schwierigkeit der
Deutschen beschäftigt, nach dem Krieg die NS-Zeit aufzuarbeiten. Sie
sind Jahrgang 1917 und gehören somit zur betroffenen Generation. Haben
Sie selbst getrauert?
Margarete Mitscherlich: Ach,
wissen Sie, ich war oft sehr traurig, dass mir meine Ideale geraubt
wurden. Ich wollte zu einer Gemeinschaft, zu einer Nation gehören, die
ein achtenswertes Dasein führt. Stattdessen hat sich ein Abgrund von
Grausamkeit aufgetan, der vorher unvorstellbar war. Meine Generation -
mich inbegriffen - hat etwas sehr Wertvolles verloren. Wir haben Grund
zu trauern, solange wir noch auf dieser Erde sind, auch um die
ungezählten Menschen, die einer irrsinnigen Ideologie geopfert wurden.
sueddeutsche.de: Wie sah die Deutschlandliebe der jungen Margarete aus?
Mitscherlich: Ich
war eine begeisterte Deutsche, ich liebte die deutsche Literatur. Mit
zwölf Jahren habe ich behauptet, ich hätte sämtliche Dramen Schillers
gelesen - und verstanden! Meine Geschwister haben mich ausgelacht. Ich
war doch sehr deutsch
(lacht). Wenn die Nationalhymne gespielt wurde, liefen mir die Tränen runter: "Deutschland, Deutschland, über alles ..."
sueddeutsche.de: Bei der
Machtergreifung Hitlers waren sie 15 Jahre alt. Bröckelte von da an Ihr Bild vom wunderbaren Heimatland?
Mitscherlich: Ja,
das begann mit der NS-Zeit. Wie meine Freunde und meine Mutter habe ich
während des Krieges immer BBC gehört. Da verging einem bald der Stolz
auf das eigene Volk, trotz der Dichter, Denker und tollen Philosophen.
Über vieles Üble, auch über Mordtaten wie die Vergasung der
Geisteskranken, wussten wir durchaus Bescheid. Aber trotz allem: Man
hatte die Sprache, man war so erzogen, das Deutschsein war tief in einem
drin. Man war - ob man will oder nicht - beteiligt, man war manchmal
opportunistisch, sterben wollte man ja nicht. Darum hat man sich in
gefährlichen Situationen angepasst. Und danach verachtete man sich
dafür. Ja, getrauert habe ich immer.
sueddeutsche.de: Diesen
Prozess haben Ihr Mann und Sie bei den meisten Deutschen in den ersten
Jahrzehnten der Bundesrepublik vermisst und eingefordert: Der Blick
zurück auf das Grauen, die Erinnerungsarbeit. Fühlten Sie sich auch
schuldig, Frau Mitscherlich?
Mitscherlich: Nein, ich hatte
nicht das Gefühl, Schuld zu haben. Wie es wirklich zuging in den KZ und
vor allem in den Vernichtungslagern, dieses Ausmaß an Unmenschlichkeit
hat sich niemand vorstellen können. Das war auch nie gesagt worden in
der BBC während des Krieges. Ich meine, warum haben die Alliierten zum
Teufel nicht die Bahnlinien in die KZ bombardiert? Es gibt so vieles,
was man nachträglich nicht versteht.
sueddeutsche.de: Warum hat der Großteil der Deutschen in den Nachkriegsjahrzehnten nicht zurücksehen wollen?
Mitscherlich: Man
stand einer Schuld gegenüber, die nicht zu verarbeiten war, nach der
totalen materiellen und ideellen Zerstörung. Und das hat auch zu diesem
Verdrängen geführt. Der Erste Weltkrieg war ja auch schon absurd und
schrecklich genug gewesen. Aber die Schoah schien nicht verkraftbar zu
sein.
"Es war mir furchtbar wurscht, was man von
mir hielt" - Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie Mitscherlich als
Mutter eines unehelichen Kindes die ersten Jahre der Republik erlebte
und welche Rolle sie dem Wirtschaftswunder bei der Verdrängung der
NS-Aufarbeitung beimisst.
"Jeder wusste, dass Juden in Massen erschossen wurden"
sueddeutsche.de: Seit 1949, dem
Jahr, als die Bundesrepublik und die DDR gegründet wurden, leben Sie
dauerhaft in Deutschland. Damals bekamen Sie einen Sohn von Alexander
Mitscherlich, der zu jener Zeit noch mit einer anderen Frau verheiratet
war. War es in den ersten Jahren dieser Republik schwer, allein ein
uneheliches Kind großzuziehen?
(© Foto: lp/odg)
Mitscherlich: Ich habe damals zuerst
in Stuttgart, dann in Heidelberg mit Psychoanalyse und Psychotherapie zu
arbeiten begonnen. Meinen Sohn habe ich nach einiger Zeit zu meiner
Mutter nach Dänemark gebracht. Dort blieb er die ersten Jahre meistens,
besuchte mich aber auch oder ich ihn. Ich habe meinen Sohn nie verborgen
- im Gegenteil. In Dänemark war man ja weitgehend tolerant, und in
Deutschland war es mir furchtbar wurscht, was man von mir hielt.
sueddeutsche.de: In
Heidelberg hatten Sie ja schon während des Krieges studiert und waren
unter anderem auch von der Gestapo verhört worden - weil Sie über die
Nazis gelästert hatten. Wie war es, 1949 zurückzukommen?
Mitscherlich: 1944
war ich dort weggegangen, nach der Währungsreform kam ich zurück. Es
war amüsant. In der etablierten Universität Heidelberg bestand die
gleiche Hierarchie weiter, als sei nichts passiert. Die Herren hatten ja
keine Ahnung, wie sehr sie verachtet wurden im Ausland. Sie hingen dem
Glauben an: "Der Krieg ist vorbei, wir haben gehungert, aber jetzt
brauchen uns ja die Amerikaner gegen die Russen." Eine naive Stimmung
sondergleichen. Als Westdeutschland 1949 eine Verfassung bekam, konnten
die Deutschen wieder reisen. Da haben sie erst gemerkt, wie es zuging,
wenn man als Deutscher ins Ausland kam. Da waren sie empört, das hatten
sie nicht erwartet.
sueddeutsche.de: Die Psychoanalyse war
verfemt unter den Nazis - sie galt als "jüdische" Wissenschaft. Wie
haben die Professoren, die schon während des Dritten Reiches auf ihren
Lehrstühlen saßen, reagiert, als Menschen wie Alexander Mitscherlich und
Sie mit der Psychoanalyse anfingen?
Mitscherlich: Man
lehnte sie in den ersten Jahren ab. Das damals gängige Vorurteil über
die Psychoanalyse war schon vor den Nazis, in den zwanziger Jahren,
gefällt worden. Es lautete: Das ist keine Wissenschaft, es ist nicht zu
beweisen, alles Phantasien. Also nicht nur, weil Sigmund Freud Jude war.
Das wagte niemand zu sagen: Er ist Jude, deswegen wollen wir ihn nicht,
das traute man sich anno 1950 nicht mehr, das hatten sie kapiert. Sie
waren ja nicht ganz blöd. Aber was Alexander Mitscherlich in den Augen
vieler zum Verräter machte, das war seine Teilnahme am Nürnberger
Ärzteprozess (
Anm. d. Red.: Mitscherlich dokumentierte die Verfahren gegen die NS-Mediziner 1946/47).
sueddeutsche.de: Haben Sie diese Anfeindungen auch noch in den fünfziger und sechziger Jahren zu spüren bekommen?
Mitscherlich: Natürlich!
Alexander war zeitweise der bestgehasste Mann in der Medizin überhaupt.
"Das ist ein Nestbeschmutzer", hieß es da: "Stimmt doch alles gar
nicht, was der geschrieben hat." Darum bekam er ja zunächst auch keine
Professur. Erst mit Hilfe von Max Horkheimer und Theodor Adorno in
Frankfurt. Und das war nicht an der medizinischen Fakultät, sondern an
der philosophischen.
sueddeutsche.de: Und dann haben Sie
beide gemeinsam "Die Unfähigkeit zu trauern" veröffentlicht. Können Sie
die Stimmung in den fünfziger Jahren beschreiben, die Sie und Ihren Mann
dazu brachte, dieses Buch zu schreiben?
Mitscherlich: Die
Leute sagten: "War da was? Da war doch nichts! Der Krieg ist vorbei, wir
haben ihn verloren, das ist Jammer. Aber nun sind wir uns mit den
Amerikanern ganz einig, wir stehen auf der richtigen Seite des Kalten
Krieges. Und, ach die Nazis, ach ja, das war ein Irrtum, hatte ja aber
auch manches Gute, Sie kennen ja die schönen Autobahnen."
sueddeutsche.de: Das war die Strategie des großen Verdrängens.
Mitscherlich: Man
wollte sich absolut nicht damit beschäftigen, weder in den Schulen,
noch in den Familien. Eins muss ich noch mal betonen: Es mag während der
NS-Zeit in Deutschland den meisten nicht klar gewesen sein, wie
systematisch in den Konzentrationslagern gemordet wurde - aber zumindest
war bekannt, was im Osten passierte, die Tötungen von russischen
Zivilisten, von sowjetischen Kommissaren und angeblichen
Partisanen.
Das erzählten die Soldaten, die auf Urlaub waren. Jeder Deutsche wusste
während dieser Zeit, dass die Juden in Massen erschossen werden.
Männer, Frauen, Alte und Kinder. Es wurde massiv verdrängt. Und dass das
nicht gut sein konnte, das merkte man ja in den Psychoanalyse-Sitzungen
nach dem Krieg. Wenn überhaupt so jemand sich auf unsere Couch legte,
dann hörte er schnell auf zu erzählen - denn damit wollte er nichts zu
tun haben.
sueddeutsche.de: Heißt das, dass Sie auch Mörder behandelt haben?
Mitscherlich: Ich
hatte nur Leute, die sagten: 'Ich habe gehört von dem und dem, dass er
an solchen Sachen teilgenommen hat.' Dann gab es natürlich auch genügend
Leute, die, wenn sie gekonnt hätten, noch immer für die Nazis gewesen
wären. Aber das wagte natürlich in universitären und gebildeten Kreisen
niemand offen zu äußern.
sueddeutsche.de: Half das deutsche Wirtschaftswunder bei der Verdrängung der NS-Zeit?
Mitscherlich: Selbstverständlich
trug es dazu bei. Das Motto war: 'Wir sind wieder wer! Dank unserer
Wirtschaftsmacht und gemeinsam mit den Amerikanern werden wir den
Kommunismus besiegen. Hauptsache wir gedeihen.' In so einem Klima vergaß
man schnell und gerne das, was in Auschwitz und anderswo passierte.
Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie
Mitscherlich das Sittenbild der Adenauer-Ära beschreibt - und warum sie
die 68er Bewegung als intolerant bezeichnet.
"Adenauer war kein Nazi - und auch kein lupenreiner Demokrat"
sueddeutsche.de: Richard von Weizsäcker erinnerte
sich in einem sueddeutsche.de-Interview an die "Autoritätsglocke", die
über der Republik während der Adenauer-Zeit lag.
"Was für eine ungeheuer bedeutungsvolle Geste!"-
Bundeskanzler Willy Brandt kniet 1970 vor dem Ehrenmal für die jüdischen
Toten des Warschauer Gettos.
(© Foto: dpa)
Mitscherlich: Um genau zu sein: Es war
die Glocke der Kleinbürger und Spießer. Denn eines hatte Hitler
geschafft: Ein Volk mit Standesdünkel - Adel, Beamtentum, der
Offiziersstand - wurde zu einer fast klassenlosen Gesellschaft.
Schließlich hatten sich während der NS-Zeit alle Klassen gleichermaßen
blamiert und versagt. Die alten Traditionen waren alle kaputt, darum war
die spießbürgerliche Linie in der Bundesrepublik zu Beginn obenauf. Die
dumpfe, sexualfeindliche Moral der Kirche wurde übernommen.
sueddeutsche.de: Können Sie das genauer beschreiben?
Mitscherlich: Außereheliche
Sexualität war verpönt, Schwule wurden verfolgt, Abtreibung war
strafbar. Es gab den berüchtigten "Kuppelparagraphen". Stellen Sie sich
vor: Man durfte nicht mal zusammenwohnen, wenn man nicht verheiratet
war! Diejenigen, die verwurzelt waren im rheinischen Katholizismus der
Bonner Republik, haben hinter vorgehaltener Hand auch Willy Brandt
verschmäht, schließlich war er nicht nur als Nazi-Gegner emigriert,
sondern auch ein uneheliches Kind. Damals galt eben: "Gefallen ist
gefallen." Adenauer provozierte Brandt, in dem er ihn "Willy Brandt
alias Herbert Frahm" nannte.
sueddeutsche.de: Welche Faktoren waren für Sie entscheidend, dass Deutschland aus dieser konformistischen, muffigen Phase aufbrechen konnte?
Mitscherlich: Ich
denke, wichtig war, dass die Deutschen immer mehr ins Ausland reisten.
Dort wurden sie mit den Dingen konfrontiert, die sie in ihrer
kleinbürgerlichen vermeintlich heilen Welt nicht sehen wollten - vor
allem mit den Verbrechen von Nazi-Deutschland. Mit Deutschland wurde der
Name Hitler und der Begriff Auschwitz verbunden. Die freie Presse war
natürlich auch ein Faktor, dann kam die Entdeckung der Pille dazu -
endlich löste sich diese hässliche Spießer-Moral.
sueddeutsche.de: Ein Jahr nach Adenauers Tod kamen die 68er. Wie haben Sie die Studentenbewegung erlebt?
Mitscherlich: Wir
waren sehr zufrieden, als die Studenten kamen und sagten: "Wir können
doch nicht weiter so tun, als wäre da nichts gewesen." Nur bei den
Studenten ist mir sehr schnell auf die Nerven gefallen, wie sie darauf
pochten, dass alle so denken mussten wie sie - auch ich. Das war wieder
eine Ideologie, und es war intolerant. Die 68er waren ja zum Teil
durchaus auch - ich würde nicht sagen stalinistisch - aber schon sehr
kommunistisch begeistert. Ich war ja auch immer eher links gesonnen.
Aber jede Diktatur, jede Gewalt, das war etwas, was mir physisch
unerträglich war. Und manche 68er übten auch in ihrem Denken eine
gewisse Gewalttätigkeit aus.
(laut) Und da kann man mich mit jagen!
sueddeutsche.de: Lagen denn auch einige der 68er auf Ihrer Couch?
Mitscherlich: Ja,
ich habe sogar hier und da Studentenführer analysiert. Und ich denke
gerade an eine bestimmte Person - das war einer der begabtesten Leute.
Er war fähig, sich auch selbst in Frage zu stellen. Aber der hatte
ebenso diese Periode der Intoleranz gehabt.
sueddeutsche.de: Und er hat sich wahrscheinlich inzwischen verändert?
Mitscherlich: Ich darf nicht sagen, wer es ist, aber er ist ein ideenreicher, bekannter Mann geworden. Das war damals schon absehbar.
sueddeutsche.de: Die
68er begehrten gegen eine Gesellschaft auf, die von Konrad Adenauer
geprägt worden war. Die junge Republik hatte einen ersten Kanzler, der
bis in die sechziger Jahre äußerst autoritär schaltete und waltete -
trotzdem erinnert man sich heute vor allem an seine positiven Seiten.
Mitscherlich: Adenauer war kein Nazi - ein lupenreiner Demokrat war er natürlich auch nicht
(lacht).
Die Deutschen wollten ihn trotzdem. Das lag wohl daran, dass
Deutschland nicht nur die verspätete Nation war, sondern auch die
verspätete Demokratie. Vergleichen Sie uns mal mit den Engländern, die
schon im 17. Jahrhundert ihren König geköpft haben! Deutschland musste
also Demokratie lernen, und das tat es langsam.
sueddeutsche.de: Willy
Brandt hat die von Ihnen geforderte Erinnerungsarbeit auf seine Weise
forciert. Sein Kniefall von Warschau war ein Bild von Trauer.
Mitscherlich: Ja,
absolut! Was für ein Moment, was für eine ungeheuer bedeutungsvolle
Geste! Willy Brandt war ein eigenartiger Typ mit einer unglaublichen
Begabung, im richtigen Moment das Richtige zu tun. Ausgerechnet er, der
vor den Nazis geflüchtet war, der nicht mitgemacht hatte, sondern gegen
sie aus dem Untergrund agiert hatte, war der erste Kanzler, der
Verantwortung gezeigt hat.
sueddeutsche.de: Sie haben Brandt persönlich kennengelernt. Welchen Eindruck hat er auf Sie gemacht?
Mitscherlich: Wissen
Sie, er war mal mein Tischherr und er hatte wesentlich mehr Charme, als
Sie denken. Brandt war gerade Kanzler geworden und der
Spiegel-Chef
Rudolf Augstein hatte uns eingeladen, um das im kleinen Kreise zu
feiern. Mich hatte man neben ihn gesetzt. Die Art wie er Witze erzählt
hat, war wirklich gekonnt.
"Man hätte ihn besser in Watte gepackt" -
Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie Mitscherlich Willy Brandt
charakterisiert - und was sie vom Politikstil Angela Merkels hält.
"Es ist wunderbar, dass eine Frau Kanzlerin ist"
sueddeutsche.de: Sie sprechen von Brandts Charme - hat er auch als Mann auf Sie Eindruck gemacht?
(© Foto: lp/odg)
Mitscherlich: Er war ein sympathischer
Mensch - aber ich wollte nicht mit ihm verheiratet sein. Er war jemand,
der genutzt hat, im besten politischen Sinne, dass er bei
Nazi-Deutschland nicht mitgemacht hat. Er wirkte auf mich auch immer
etwas einsam. Diese Einsamkeit hat er dann wohl auch durch
Damenbekanntschaften zu kompensieren versucht.
sueddeutsche.de: Brandt trat 1974 zurück, die Guillaume-Affäre war der Anlass, aber der Kanzler galt schon zuvor als deprimiert und amtsmüde.
Mitscherlich: Ich
habe ihn nie für sehr tüchtig gehalten was die praktische
Durchsetzungskraft betraf. Politisch gegen andere sehr scharf zu
argumentieren, war nicht seine Sache. Brandt war stark und schwach
zugleich. Und vielleicht nicht genügend gewieft, um mit den Typen um ihn
herum fertig zu werden.
sueddeutsche.de: Diese Fähigkeit zum Energischsein hatte dann ja Helmut Schmidt.
Mitscherlich: Stimmt,
das ist ja ein ganz anderer Typ. Anders als Brandt war Schmidt
schließlich auch kein einsames, uneheliches Kind, das später viele Jahre
in der Immigration leben musste. Brandt war ein zartes Wesen, eine
zarte Seele, die man besser in Watte gepackt hätte, was auch Guillaume,
der ihn wohl sehr mochte, lieber getan hätte.
sueddeutsche.de: Wie ist das mit Angela Merkel: Ist ihr Politikstil typisch weiblich oder hat sie die Männer kopiert?
Mitscherlich: Das
ist nicht einfach. Was vor 100 Jahren als typisch männlich galt, sehen
wir heute nicht mehr unbedingt als unweiblich - und umgekehrt. Sie ist
nüchtern und intelligent. Sie ist Pastorentocher, sie lebte lange in der
DDR - beides hat sie geprägt. Sie hat einen kleinen Kreis an Vertrauten
um sich geschart, sie schafft es, ihre internen Konkurrenten auf
Distanz zu halten - Roland Koch ist ja auch nicht gerade der
einfühlsamste Mensch, der herumläuft. Ich habe mich übrigens sehr
gefreut, als wir eine Kanzlerin bekommen haben und finde das nach wie
vor toll! Sie macht gute Politik, wenn auch etwas zögerlich.
sueddeutsche.de: Finden Sie alles gut an Frau Merkel?
Mitscherlich: Nun
ja, sie habe George W. Bush zu sehr hofiert, heißt es. Wie kann man
nur? Ich möchte gerne, dass Merkel alles richtig macht! Ich erlaube mir,
ganz entschieden parteiisch zu sein. Es ist wunderbar, dass eine Frau
zum ersten Mal Kanzlerin geworden ist!
(lacht)
sueddeutsche.de: Im
60. Jahr dieser Republik schwelt die schwerste Wirtschaftskrise. Die
Zeitungen sind voll davon, es geht um Abwrackprämie, die Rettung von
Banken und von Opel. Doch die Deutschen scheinen sich noch nicht
krisenhaft zu verhalten.
Mitscherlich: Ich bin auch
verblüfft. Man muss den Menschen von Herzen danken. Viele verlieren ihre
Jobs, doch sie kämpfen - sie bleiben realistisch! Panik wäre sicherlich
das Schlimmste, was sich derzeit entwickeln könnte, das wäre eine
Katastrophe. Die Politik sollte sich davor hüten, Unruhe herbeizureden,
wie es unserer leider nicht nächsten Präsidentin nachgesagt wird.
sueddeutsche.de: Sie
sprechen von Gesine Schwan, der Bundespräsidentenkandidatin der SPD.
Schwan warnte vor sozialen Unruhen, sollte es zu Massenarbeitslosigkeit
und Armut kommen. Hat sie mit diesem Szenario denn Unrecht?
Mitscherlich: Das
wissen wir doch alle, dass diese Gefahr besteht. Wissen Sie, 1929
wirkte sich der Crash in Amerika schlimmer als in Deutschland aus. Aber
die Konsequenzen waren hierzulande viel verheerender: Wir haben Hitler
gekriegt. Panik führt nun mal zu Extremen, zum Auseinanderbrechen der
demokratischen Gesellschaft, vor allem, wenn sie so jung und fragil ist,
wie sie damals war und hoffentlich nicht mehr ist.
Lesen Sie auf der nächsten Seite, was
Mitscherlich den krisengeplagten Deutschen rät und was sie vom
Werbe-Einsatz ihrer Freundin Alice Schwarzer für die Bild-Zeitung hält.
"Eine verweiblichte Männerwelt ist existenziell für die Zukunft"
sueddeutsche.de: Die Angst vor der heutigen Krise wird man den Menschen nicht nehmen können.
(© Foto: lp/odg)
Mitscherlich: Das verlangt ja auch
keiner. Durch Angst kann man ja auch etwas klüger werden. Ein bisschen
Angst brauchen wir, um voranzukommen. Ohne sie würden wir dick und fett
und gingen unter.
sueddeutsche.de: Und wie kann man der Angst vor der Krise begegnen?
Mitscherlich: Indem
man intensiver überlegt, was man dagegen tun kann. Wo haben wir etwas
übersehen? Warum ist dies und jenes passiert? Nun sind wir bei der
"Unfähigkeit zu trauern", nämlich Erinnerungsarbeit. Was ist eigentlich
gewesen? Wir waren ja faul, wir haben ganz offensichtlich Dinge
übersehen. Wir haben nur noch Profit gewollt und uns nicht mehr dafür
interessiert, wo das Geld herkam. Wir haben darauf gesetzt, dass
Menschen Geld geliehen wird, die es nicht zurückzahlen konnten.
sueddeutsche.de: Was Sie umschreiben ist Gier, die Gier nach mehr Geld.
Mitscherlich: Wissen
Sie, das ist etwas, was ich nicht nachvollziehen kann. Ich habe zu Geld
wenig Beziehung. Die Lust, mehr Geld zu haben, als ich benötige, um das
kaufen zu können, was ich brauche und liebe, diese Lust ist bei mir
gleich null. Was soll das viele Geld, was nur herumliegt, was soll der
Quatsch?
sueddeutsche.de: Sie haben selbst einmal eine
Reihe typisch männlicher Eigenschaften formuliert. Dazu zählten Sie
Härte, Durchsetzungskraft, Gefühllosigkeit, Risikofreudigkeit. Diese
passen gut zu dem Bild eines erfolgreichen Bankmanagers. Ist diese Krise
männlich?
Mitscherlich: Das sind nur Eigenschaften, die
wir traditionell unter typisch männlich verstehen. Zugespitzt hat das
Hitler mit der Parole: "Flink wie Windhunde, zäh wie Leder und hart wie
Kruppstahl." Wir müssten unser Verständnis ändern, und diese Attribute
nicht mehr als positiv darstellen. Natürlich ist manchmal eine gewisse
Härte angebracht - aber doch nicht, wenn es auf Kosten der Humanitas
geht. Männer sollten lernen, auch Eigenschaften zu leben, die man in der
Geschichte als typisch weiblich angesehen hat.
sueddeutsche.de: Von welchen Eigenschaften sprechen Sie?
Mitscherlich: Ich
möchte mir wünschen: Humor. Meinetwegen auch Trauerfähigkeit in dem
Sinne, dass man die Verletzungen wahrnimmt, die man anderen zugefügt
hat. Männer müssen vor allem erkennen, dass sie Menschen sind. Dann
werden sie auch andere eher als gleichwertig ansehen. Empathie ist auch
bei Männern eine Tugend. Die in diesem Sinne "Verweiblichung" der
Männerwelt ist existenziell für unsere gemeinsame Zukunft. Wer
Schwächere nicht achtet, wer ihnen nicht zu helfen versucht, sondern
bekämpft, merkt gar nicht, dass er damit ein Klima schafft, in dem auch
er umkommen wird.
sueddeutsche.de: In der Welt der Manager,
im Finanzsektor, sind die "harten" Männer bislang fast unter sich. Wäre
diese Krise nicht entstanden oder anders gekommen, wenn mehr Frauen in
verantwortlichen Positionen wären?
Mitscherlich: Das kann man nur durch Erfahrung herausfinden. Dann lassen Sie uns mal sagen: "Männer, jetzt lasst uns mal ran!"
(lacht)
Im Ernst: Wer von den Frauen hätte schon Lust, das ganz alleine zu
machen? Und diejenigen, die Lust auf solche Jobs haben, sind selten
geeignet. Aber wer weiß: Das mag sich alles ändern, wenn uns die
entsprechende Erfahrung zur Verfügung steht.
sueddeutsche.de: Das hört sich nun gar nicht so typisch feministisch an.
Mitscherlich: Nun
hören Sie mal: Welche Frau will allen Ernstes alle Männer wegdrängen,
um dann alles, was Männer bislang tun, selber tun zu müssen?
(lacht) Das haben sie schon zur Genüge vor und während des Krieges und danach erlebt, ohne dafür besondere Anerkennung zu bekommen.
sueddeutsche.de: Sie
wünschen also den Männern mehr von den als weiblich betrachteten
"weichen" Werten. Nur: Kommt man mit diesen Eigenschaften überhaupt
voran?
Mitscherlich: Zumindest gibt es in unserem Staat die
Voraussetzungen dazu. Da muss man zurückgreifen auf unser Grundgesetz.
Darin sind die Werte enthalten, die uns das ermöglichen: Die Achtung der
Menschenwürde, Gleichheit von Mann und Frau, die Glaubensfreiheit, die
Pluralität.
sueddeutsche.de: Beigetragen zur Emanzipation der Frauen haben auch Feministinnen wie Sie und Ihre Freundin Alice Schwarzer, deren aktuelle
Emma-Ausgabe hier in Ihrer Wohnung liegt. Kürzlich machte Schwarzer Werbung für die
Bild-Zeitung.
Mitscherlich: Das war ja nicht so klug. Dafür hat Alice ja auch ein bisschen auf den Deckel bekommen.
sueddeutsche.de: Auch von Ihnen?
Mitscherlich: Wissen
Sie, Alice ist für mich mehr als eine Freundin. Kritik werde ich bei
ihr persönlich und nicht vor Publikum los. Sie hat ihren bisherigen,
manchmal sehr schwierigen Lebensweg mit großem Mut beschritten, das ist
bewundernswert. Sie darf auch manchmal Fehler begehen.
"Die Bild-Zeitung schrieb: Mitscherlich
will, dass die Deutschen aussterben" - Lesen Sie auf der nächsten Seite,
wie Mitscherlich zur Reizfigur avancierte und was sie von deutschem
Nationalstolz hält.
"Dummheit und Stolz wachsen auf einem Holz"
sueddeutsche.de: Frau Mitscherlich,
auch Sie waren in den vergangenen Jahrzehnten für manche eine Reizfigur.
Zum Beispiel, als Sie in der Hochphase des RAF-Terrors danach fragten,
welche Motive die Terroristen antrieben.
(© Foto: lp/odg)
Mitscherlich: Ja, damit musste man sich doch beschäftigen! Damals stellte mich die
Frankfurter Allgemeine als RAF-Sympathisantin hin. Was für ein Unfug! Es gab noch einen anderen Aufreger, da bekam ich Drohanrufe, Tag und Nacht.
sueddeutsche.de: Was war passiert?
Mitscherlich: In
einer Talk-Sendung vor etwa 20 Jahren zum Thema Geburtenrückgang wurde
gefragt: "Was machen wir, damit die Deutschen nicht aussterben?" Ich
meinte zuerst: "Das passiert sicherlich nicht, da kommen Menschen von
außen, Völkerwanderungen hat es immer gegeben." Und setzte hinzu: "Und
wenn es doch so käme, nach all den Dingen, die sie angerichtet haben,
wäre das so schlimm?"
(lacht) Da kriegte ich aber eins drauf. Die
Bild-Zeitung stürzte sich auf die Causa und titelte sinngemäß: Mitscherlich will, dass die Deutschen aussterben.
sueddeutsche.de: Fehlt den Deutschen die Selbstironie?
Mitscherlich: Zumindest
haben sie weit weniger davon als Engländer oder Dänen. Die Fähigkeit,
andere und sich selbst auf die Schippe zu nehmen, darin sind sie nicht
sehr geübt. Vielleicht inzwischen etwas mehr.
sueddeutsche.de: Wie verhält es sich mit der Liebe zum Land? Haben wir heute Grund, stolz auf diese bundesrepublikanische "Familie" zu sein?
Mitscherlich: Dummheit
und Stolz wachsen auf einem Holz. Das Wort "Stolz" finde ich
lächerlich. Wer von uns hat Grund, wirklich stolz zu sein? Es reicht
doch, zu sagen: Wir bemühen uns! Wir bemühen uns, einen anständigen
Staat herzustellen.
sueddeutsche.de: Können Sie etwas mit dem Begriff "Verfassungspatriotismus" anfangen?
Mitscherlich: Derjenige,
der dieses Wort wohl geprägt hat, ist einer meiner besten Freunde:
Jürgen Habermas. Damit ist gemeint: Das Nüchterne. Nüchtern versuchen,
uns zu einer Verfassung zu bekennen und einzuhalten, einen Grundvertrag
über Werte.
sueddeutsche.de: Können Sie verstehen, dass
jüngeren Deutschen das Herz aufgeht, wenn bei Sportveranstaltungen die
schwarzrotgoldene Flagge gehisst wird?
Mitscherlich: Nein,
weil ich einfach anders empfinde, aber ich bin auch nicht dagegen.
Gerade Schwarz-Rot-Gold finde ich akzeptabel. Diejenigen, die als Erste
diese Farben verwendet haben, wollten schließlich Deutschland einigen.
Sie versammelten sich 1848 hier in Frankfurt in der Paulskirche zur
Nationalversammlung und strebten nach einer parlamentarischen Monarchie.
Staatsflagge wurde Schwarz-Rot-Gold in der Weimarer Republik, die Nazis
schafften sie wieder ab. Sie sehen: Gegen Schwarz-Rot-Gold ist wenig
einzuwenden.
sueddeutsche.de: Hat der Patriotismus in Deutschland Zukunft?
Mitscherlich: Gelegentlich
kommt das Nationale noch bei Fußballspielen unter den Zuschauern hoch.
Aber ich glaube, Nationalstolz, wie er vor 1945 üblich war, gibt es in
breiten Teilen der Bevölkerung nicht mehr, das ist in Deutschland
gottlob vorbei.
sueddeutsche.de: Sie schrieben einmal,
Deutschland sei vor Hitler eine Kulturnation gewesen, durch die Nazis
sei es zum Land der Mörder geworden. Und nun, nach 60 Jahren
Bundesrepublik, was sind wir jetzt für ein Land?
Mitscherlich: Wir
sind mittlerweile eine stabile Demokratie, immerhin. Und das ist ein
Umstand, über den ich mich sehr freue. Deutschland ist heute tolerant,
weil es internationaler geworden ist.
sueddeutsche.de: Leisten die Deutschen inzwischen ausreichend Erinnerungsarbeit?
Mitscherlich: Im
Großen und Ganzen ja. Es gibt wohl kaum ein Land, in dem man gelernt
hat, mit so viel Ernsthaftigkeit von der eigenen, bösen Vergangenheit zu
sprechen. Vielleicht sind die Deutschen sogar ein bisschen froh
darüber, selbstbewusst mea culpa sagen zu können.
sueddeutsche.de: Sie klingen, als seien sie zufrieden mit den Deutschen.
Mitscherlich: Ich finde es
bemerkenswert, wie gelassen sie inzwischen sind. Früher schwankten sie
zwischen dem Herrenmenschengehabe und der großen Jammerei. Gerade jetzt,
in der Krise, zeigt sich, dass sich das geändert hat. Die Deutschen
bleiben vernünftig. Vielleicht werden wir doch noch das nachdenkliche,
reife Volk, wer weiß. Möglich ist es.