13.06.2012
Abschied von Margarete Mitscherlich
Am
Morgen des 12. Juni ist Margarete Mitscherlich gestorben. Im Kreis
ihrer geliebten Familie, bis hin zu den UrenkelInnen. In wenigen Wochen
wäre sie 95 geworden, dennoch starb sie überraschend. Einen Altersschock
hatte sie mit 90 bekommen und plötzlich häufig vom Tod gesprochen
(„Jeden Abend, wenn ich ins Bett gehe, bin ich darauf gefasst, morgens
nicht mehr aufzuwachen“). Ihr 2010 erschienenes Buch „Die Radikalität
des Alters“ schien eine Bilanz zu sein. Schien. Denn kaum war das Buch
erschienen, wurde sie überschwemmt mit Interview-Anfragen. Man hatte
begriffen: Die berühmte Analytikerin lebt nicht nur, sie ist noch
hochlebendig. Also schmiedete auch Margarete wieder Pläne. Sie plante
ein nächstes Buch, darin sollte es um das Thema Liebe gehen. Ein Thema,
von dem sie wahrlich viel verstand. Darum habe ich die Freundin für EMMA
zur Liebe interviewt. Das Gespräch wird in der nächsten Ausgabe
erscheinen.
Es war mein xtes Interview mit ihr und der vorletzte
Besuch in ihrer so modernen, hellen, heiteren Wohnung im Herzen von
Frankfurt. Beim letzten Besuch, Mitte Mai, habe ich für sie gekocht.
Spargel. Denn Margarete interessierte sich nicht die Bohne fürs Kochen –
aber umso mehr fürs gute Essen.
Wir haben ein paar Stunden lang geschwatzt,
geklatscht und gelacht. Wie immer. Ja, es stimmt: Margarete konnte sehr
scharf sein in ihrem Urteil über Menschen, wie jetzt in einigen
Nachrufen beklagt wird. Aber sie blieb immer voller Verständnis, selbst
für GegnerInnen.
In den fast 40 Jahren, in denen wir befreundet
waren, habe ich niemals erlebt, dass Margarete Mitscherlich mich oder
einen anderen Menschen psychoanalytisch interpretiert hätte. Im privaten
Kontext hat sie gänzlich auf die Macht des Verstehens, ja Durchschauens
verzichtet. Ließ man sich doch einmal dazu hinreißen zu sagen:
Margarete, ich hatte da so einen bizarren Traum, was soll das bedeuten? -
lachte sie und antwortete: Das musst du schon selber wissen.
Wie sie überhaupt gerne lachte. Aus Lebensfreude
oder aber auch aus Menschenkenntnis. So sind sie, die Menschen...
Hierarchien und Machtverhältnisse waren ihr ein Gräuel. Schließlich war
die kleine Margarete Nielsen in Dänemark aufgewachsen, wo der König
Fahrrad fuhr und ihr irgendwann auch mal am Briefkasten begegnet war.
Diese Begegnung hat sie jahrelang amüsiert. König? Na und!
Margarete war das sehr geliebte Kind eines
einfühlsamen dänischen Landarztes und seiner Frau, eine stolze deutsche
Lehrerin. Die Mutter hat die kleine wilde Tochter bis zum Alter von acht
zuhause unterrichtet. Wir dürfen davon ausgehen, dass dies mit wenig
Disziplin und viel Empathie geschah.
Dennoch blieb die Mutter für die Tochter lebenslang
ein Rätsel. „Ich bin Psychoanalytikerin geworden, um meine Mutter zu
verstehen“, hat Margarete einmal zu mir gesagt in einem der zahlreichen
Interviews, die ich über die Jahre mit ihr gemacht habe. Diese Mutter
hatte der Tochter zwei „Aufträge“, wie es in der Psychologie heißt, mit
auf den Weg gegeben: 1. Liebe Deutschland! 2. Sei emanzipiert!
Die Mutter, eine geborene Leopold, war die Tochter
von Pelzhändlern, die ihre vermutlich jüdische Herkunft verschleiert
hatten, um weniger Ärger zu haben. Sie hatte spät geheiratet, eine
Vernunftehe nach einer ewig betrauerten „großen Liebe“, und lebenslang
ihre frauenrechtlerisch bewegten Freundinnen zu Besuch. An allen
dänischen Nationalfeiertagen litt die Mutter hinter zugezogenen
Vorhängen an Migräne, an den deutschen flaggte sie fröhlich.
Aus den beiden Aufträgen der Mutter hat die Tochter
wirklich etwas gemacht! Margarete, die in Heidelberg studierte, hasste
die Nazis, aber liebte Deutschland. Und sie holte nach dem Krieg und
einer Ausbildung bei den Exilanten in London die Psychoanalyse zurück.
Ohne sie wäre Deutschland vermutlich viel länger verbrannte Erde
geblieben, auch in psychoanalytischer Hinsicht.
Hinzu kam der persönliche wie politische Glücksfall
ihrer Begegnung mit Alexander Mitscherlich. Der Großbürger hatte sich
mit seinem Buch über die Kollaboration seines Berufsstandes mit den
KZ-Folterern, "Wissenschaft ohne Menschlichkeit" (1949), aus der eigenen
Klasse katapultiert. Er war vor allem an der Gesellschaftsanalyse
interessiert. Das war sie auch. Aber bei ihr kam das
individualanalytische Interesse hinzu. Und auf dem Gebiet der
persönlichen Analyse, auf ihrem Stuhl neben der Patientenliege war sie
von einer raren, vielleicht einzigartigen Begabung. Hunderten, ja
tausenden Menschen hat sie die Augen geöffnet.
Die Aufsätze in dem deutschen Schlüsselbuch der
Mitscherlichs, „Die Unfähigkeit zu trauern“ (1967), waren von beiden,
der Titelaufsatz von ihr. Sie, die Deutsch-Dänin, hatte gleichzeitig
eine Leidenschaft für und eine Distanz zu Deutschland. Sie war so in der
Lage, mehr und klarer zu sehen als diejenigen, die mittendrin steckten.
Sie war es auch, die als erste den Protest der 68er
Generation und deren Kritik am „imperialistischen Israel“ durchschaute
als Kontinuität dieser Söhne & Töchter ihrer Väter & Mütter. Da
war es wieder: dieses ihr so verhasste Schwarz/Weiß-Denken und diese
deutsche Selbstgerechtigkeit (Im Namen der gerechten Sache ist alles
erlaubt).
Es ergab sich quasi naturgegeben, dass Margarete
Mitscherlich-Nielsen bei ihrem Aufenthalt mit Alexander, dem so innig
wie ironisch geliebten Gefährten, Ende der 60er-Jahre in Amerika spontan
mit der aufbrechenden Frauenbewegung sympathisierte. Und auch zwischen
uns war die Sache ab der ersten Begegnung im Jahre 1974 klar. Zu den
politischen Gemeinsamkeiten kamen die persönlichen. Wir wurden rasch
Freundinnen.
Als Margarete 1977 für die erste Ausgabe der EMMA
einen Kommentar schrieb mit dem Titel „Ich bin Feministin“, da war sie
sich durchaus der Provokation bewusst. Doch hat sie sich weder
einschüchtern noch reduzieren lassen auf ein kleinkariertes Verständnis
vom Feminismus. Sie ist lebenslang Feministin & freie Denkerin
geblieben. Ihr Buch „Die friedfertige Frau“ (1985) wurde eines ihrer
erfolgreichsten. Und es stellte erneut diese so undeutsche Qualität der
großen Analytikerin unter Beweis: ihre Ambivalenzfähigkeit.
Du wirst nicht nur mir schmerzlich fehlen, Margarete.
Alice Schwarzer
WeiterlesenInterview mit Margarete Mitscherlich: "Ich bin uralt!" (3/2010)
"Das Leben ist immer interessant" (5/2007)
Die wilde Analytikerin (1/2006)
Das Ende der Friedfertigkeit (2/2001)
Margarete Mitscherlich: Gar nicht friedfertig! (7/1985)
Sind Frauen masoschistisch (9/1977)
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